Einfach umsatteln

Dienstrad statt Dienstwagen

Gut für die Gesundheit, gut fürs Klima, gut fürs Arbeitgeberimage – Dienstradleasing nimmt Fahrt auf. Die steuerliche Förderung macht das Modell noch attraktiver.

Seitdem Andrea Kurz Mitte 2019 als Personalleiterin beim Freiburger Mobilitäts- und Leasingspezialisten JobRad angefangen hat, ist sie jeden Tag mit ihrem Dienst-Pedelec zur Arbeit gefahren. „Alltagsstecken von bis zu 20 Kilometern und auch Steigungen sind für mich kein Grund mehr, auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Auto umzusteigen“, sagt die 51-Jährige. „Für mich ist die Zeit auf dem Fahrrad immer auch eine aktive Pause zum Kraft Schöpfen und zudem ein schöner Perspektivenwechsel.“

Anbieter wie JobRad wandeln Fahrräder und E-Bikes in steuerlich geförderte Diensträder um. Die Mitarbeiter der Kundenunternehmen suchen sich bei einem Handelspartner ihr Wunschrad aus; JobRad sorgt über ein Leasingmodell für Finanzierung, Verwaltung und Service – bis zur Pannenhilfe. Das Angebot ergänzt das betriebliche Gesundheitsmanagement, schließlich sind Beschäftigte, die regelmäßig zur Arbeit radeln, durchschnittlich zwei Tage pro Jahr weniger krank, wie eine Studie der Universität Frankfurt / Main zeigt. Bewegung tut einfach gut, baut Stress ab, hält fit und schlank. Nicht nur schiere Muskelkraft zählt: Dass auch E-Biker profitieren, hat der Sportmediziner Professor Dr. Arno Schmidt-Trucksäss von der Universität Basel nachgewiesen.

Pendeln per Pedale

In der Schweiz läuft seit 2005 die Aktion „Bike to work“, die Berufspendler einlädt, einen Monat lang umzusatteln. In diesem Jahr werden 70 000 Teilnehmer aus 2.400 Betrieben erwartet. In Deutschland sind Initiativen wie „Stadtradeln“ mit über 500.000 Teilnehmern etabliert. Dabei kommen immer mehr Diensträder in Schwung. Der Elektrogerätehersteller EBM-Papst aus dem baden-württembergischen Mulfingen hebt seit 2013 seine Mitarbeiter in die Pedale. Ein Zuschuss zur monatlichen Leasingrate überzeugt auch eingeschworene Autofahrer. Der Erfolg lässt sich in der Personalstatistik ablesen: Bei Mitarbeitern mit Dienstrad fallen acht Krankheitstage pro Jahr an; in der Gesamtbelegschaft sind es 13 Krankheitstage. Das Dienstrad gehöre zu den beliebtesten Benefits, so EBM-Papst, in Bewerbungsgesprächen könne man damit „kräftig punkten“.

Beim Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel wurde nach dem Start von „Mein Henkel-Rad“ innerhalb eines Jahres das 1.000. Dienstrad übergeben. Das Programm ist Teil eines Mobilitätspakets, das auch Car-Sharing, Job-Ticket für Bus und Bahn oder eine interne Mitfahrbörse enthält. Diensträder rollen in Unternehmen aller Branchen, etwa bei der Direktbank ING Deutschland, der Krankenkasse Barmer, dem Softwarehaus SAP, dem Industriekonzern Robert Bosch oder dem Energieversorger Eon.

Gelebte Verkehrswende

Klimaschutz und Verkehrswende sind Argumente, die in jüngster Vergangenheit stark an Gewicht gewonnen haben – und das Geschäft der Dienstradanbieter befeuern. Allein JobRad arbeitet nach eigenen Angaben mit mehr als 50.000 Unternehmen zusammen, die über fünf Millionen potenzielle Nutzer beschäftigen. Laut dem Bundesverband Zukunft Fahrrad sind anbieterübergreifend mehr als 900.000 geleaste Diensträder unterwegs. „Das ist gelebte Verkehrswende“, sagt JobRad-Geschäftsführerin Kurz. Und zu einem gewissen Teil intensive Lobbyarbeit: „Wir haben inzwischen sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich ausschließlich für den politischen Stellenwert des Fahrrads einsetzen.“ So hat JobRad schon 2012 gemeinsam mit mehreren Verbänden darauf hingewirkt, dass Fahrräder, E-Bikes und Lastenräder steuerlich dem Dienstauto gleichgestellt wurden. Später folgten mit der 0,25-Prozent-Regel per Gehaltsumwandlung und der Steuerbefreiung für Diensträder als Gehaltsextra weitere Meilensteine.

Dienstrad und Dienstwagen schließen sich keineswegs aus. Führungskräfte und Außendienstler wollen oder können oft nicht auf ihren Verbrenner verzichten – sei es aus Statusgründen oder weil sie für ihr Unternehmen lange Strecken zurücklegen müssen. „Wir betrachten das Dienstrad in den meisten Fällen als eine optimale Ergänzung zum Dienstwagen. Gerade Angestellte, die für den Job weitere Fahrtstrecken zurücklegen müssen, können so in ihrer Freizeit auf das Rad umsteigen“, sagt Dennis Langlets von Lease a Bike Deutschland in Cloppenburg. „Das Dienstrad ist nämlich vollumfänglich auch in der Freizeit nutzbar. Angestellte mit kürzeren (Arbeits-)Strecken nutzen das Dienstrad tatsächlich immer häufiger als Alternative zum Dienstwagen.“

Fahrradfreunde mit Zertifikat

Der Verkaufsboom bei Zweirädern in der Coronazeit hat zusätzlich für Rückenwind gesorgt. „Da ein großer Teil der geleasten Fahrräder Pedelecs sind, wird Pendeln mit dem Rad für viele attraktiv, die sich das mit einem herkömmlichen Rad nicht zutrauen, weil ihre Wege zu weit oder zu bergig sind“, beobachtet Sara Tsudome, Projektleiterin von „Fahrradfreundlicher Arbeitgeber", einer Initiative der EU und des Allgemeinen Deutsche Fahrrad-Clubs (ADFC). Bereits rund 200 Unternehmen und öffentliche Einrichtungen haben sich über den ADFC als „Fahrradfreundliche Arbeitgeber“ zertifizieren lassen.

Das Potenzial von Dienstradleasing dürfte längst nicht ausgeschöpft sein. Nach einer Untersuchung, für die das Marktforschungsunternehmen Statista im Auftrag von Lease a Bike 1.000 Arbeitnehmer befragt hat, sind vor allem die unter 30-Jährigen aufgeschlossen für die Idee. In Unternehmen, die Diensträder zur Verfügung stellen, sitzen bereits 42 Prozent der „Twens“ im Sattel – über alle Altersgruppen hinweg sind es dort 29 Prozent. Und es werden mehr, weil der Erwartungsdruck steigt: In Unternehmen, die keine Diensträder anbieten, interessieren sich 76 Prozent der unter 30-Jährigen für das Modell (alle Altersgruppen: 59 Prozent).

Forschen für mehr Sicherheit

Der Ausbau der Infrastruktur in Deutschland und Vorzeigeprojekte wie der Radschnellweg Ruhr sollen Vorbehalte – „zu unbequem“, „zu gefährlich“, „zu langsam“ – gegen die Radnutzung im Job ausräumen. Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) unterstützen die Verkehrsplaner, indem sie analysieren, was Radfahrern in der Stadt Stress bereitet. „Wie wohl oder unwohl sie sich unterwegs fühlen, hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel vom Straßenbelag, von der Nähe vorbeifahrender Autos, der Übersichtlichkeit von Kreuzungen und der Wartezeit an Ampeln“, sagt Dr. Peter Zeile, der Leiter der Forschungsinitiative Urban Emotions. Ziel ist es, den Radverkehr sicherer zu machen – und so ein weiteres Argument für den Umstieg vom Dienstwagen auf das Dienstrad zu liefern.