Fokus Gefährdungsbeurteilung

Wissen, was belastet

Keine Kür, sondern Pflicht: Um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter am Arbeitsplatz zu schützen, müssen Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen. Doch längst nicht alle kommen dieser Verpflichtung nach.

Egal, ob Chemielaborant, Feuerwehrfrau, Krankenpfleger oder Sachbearbeiter: Unternehmen sind dafür verantwortlich, die Gesundheit ihrer Beschäftigten bei der Arbeit zu schützen. Das gilt für alle Branchen, alle Berufe und alle Arten von Arbeitsplätzen. Um dies zu tun, gilt es zunächst herauszufinden, welche möglichen Belastungen und Gefahren die Gesundheit der Beschäftigten beeinträchtigen könnten. Das ermitteln Unternehmen anhand einer Gefährdungsbeurteilung.

Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Unternehmen dazu, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Sie können die Gefährdungsbeurteilung entweder selbst erstellen oder Fachkräfte hinzuziehen, die im Bereich Arbeitsschutz geschult sind. In jedem Fall bleibt die Verantwortung für die Beurteilung beim Arbeitgeber. Er muss dokumentieren, welche Gefährdungen an den einzelnen Arbeitsplätzen bestehen und welche Maßnahmen er ergreift, um sie auszuschalten.

Einen vorgeschriebenen Weg, dies zu tun, gibt es nicht – auch, weil die Vorrausetzungen und Besonderheiten der einzelnen Arbeitsplätze unterschiedlich sind. Grundsätzlich macht es jedoch Sinn, nach diesen Schritten vorzugehen:

  1. Gefährdungen ermitteln
  2. Gefährdungen beurteilen
  3. konkrete Arbeitsschutzmaßnahmen festlegen
  4. diese Arbeitsschutzmaßnahmen durchführen
  5. kontrollieren, ob die Maßnahmen wirken
  6. die Gefährdungsbeurteilung regelmäßig anpassen.

Warum eigentlich nicht?

Die Gefährdungsbeurteilung gilt als eines der wichtigsten Instrumente, um Mitarbeiter vor arbeitsplatzbezogenen Belastungen zu schützen. Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Unternehmen dazu, eine Gefährdungsbeurteilung durchführen – doch nur rund die Hälfte aller Betriebe tut dies auch. Das zeigt eine Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Zu den häufigsten Gründen, warum Unternehmen keine Gefährdungsbeurteilung durchführen, zählt die Annahme der Betriebe, dass keine nennenswerten Gefährdungen bestehen.

Viele Unternehmen übertragen die Verantwortung auch auf die Mitarbeiter und geben an, keine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, weil die Beschäftigten Sicherheitsmängel ohnehin selbst erkennen, melden oder eigenständig beseitigen würden. Andere schätzen den Nutzen einer Gefährdungsbeurteilung als zu gering ein, kennen die Vorschriften nicht, empfinden die gesetzliche Anforderung als unklar oder bräuchten zusätzliche Hilfestellungen.

Die BAuA-Umfrage zeigte außerdem, dass die Einschätzung zu arbeitsplatzbezogenen Gefährdungen sich hauptsächlich auf den Bereich der Vermeidung von Arbeitsunfällen bezieht. So gibt es zwar eine Reihe von Betrieben, die Gefährdungsbeurteilungen durchführen, diese sich jedoch auf rein technische Faktoren beziehen. Organisatorische und soziale Aspekte sowie die Erfassung möglicher psychischer Belastungen rücken in den Hintergrund.

Vielfältige Gefährdungsquellen

Die möglichen Belastungen und Gefahren, die an den einzelnen Arbeitsplätzen bestehen, sind so unterschiedlich wie die Arbeitsplätze selbst. Das macht das Erstellen einer Gefährdungsbeurteilung zu einer Herausforderung. An machen Arbeitsplätzen droht Verletzungs- oder Explosionsgefahr durch Chemikalien, an anderen können durch mechanische Vorkehrungen oder Elektrizität leicht Arbeitsunfälle entstehen. In einigen Arbeitsbereichen besteht das Risiko, dass andauernder Lärm oder eine körperliche Zwangshaltung die Gesundheit beeinträchtigen.

Das gilt für körperliche Arbeitstätigkeiten ebenso wie für klassische Büroarbeitsplätze. Denn auch hier spielt beispielsweise Lärmbelastung eine Rolle. Auch wenn – etwa im Vergleich zur Arbeit auf einer Baustelle – der Geräuschpegel in der Regel nicht in einen Bereich steigt, bei dem ein unmittelbarer Hörsturz auftreten kann, so kann Lärm auch in einem niedrigerem Dezibel-Bereich bei Konzentrationsarbeiten starken psychischen und körperlichen Stress auslösen.

Körperliche Fehlbelastung spielt ebenfalls an Büroarbeitsplätzen eine wichtige Rolle – und muss in die Gefährdungsbeurteilung aufgenommen werden. Langes Sitzen in ungünstiger Körperhaltung kann kurzfristig zu Beschwerden wie Nackenverspannungen und Rückenschmerzen, langfristig sogar zu Muskel-Skelett-Erkrankungen führen. Die Gefährdungsbeurteilung ist auch in diesem Bereich eine wichtige Grundlage, um entsprechende Arbeitsschutzmaßnahmen abzuleiten.

Gefahren für die Seele

Neben körperlichen Risiken müssen auch psychische Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung mit eingehen – das verlangt das Arbeitsschutzgesetz. Arbeitsintensität, Zeitdruck oder soziale Konflikte können die geistige Gesundheit gefährden. Die sogenannte Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen ist ebenfalls verpflichtend. Gefährdungen durch psychische Belastung können verschiedene Ursachen haben und durch unterschiedliche Faktoren bedingt sein:

  • Arbeitsaufgaben: Gefährdungen können entstehen, wenn die Qualifikation eines Beschäftigten nicht zu den Arbeitsanforderungen passen, wenn die Beschäftigten keine ausreichenden Handlungsspielräume haben in Bezug auf ihre Arbeitsgestaltung oder sie abwechslungsarme, einseitige Tätigkeiten ausführen müssen.
  • Arbeitsorganisation: Es kann belastend sein, wenn die Arbeitszeit nicht ausreicht, um die Arbeitsmenge zu bewältigen. Ebenso können häufige Unterbrechungen, mangelnde Vorhersehbarkeit der Arbeitszeiten, unklare Zuständigkeiten und Aufgabenverteilungen sowie unzureichende Möglichkeiten, zu kommunizieren und sich zu beteiligen, psychischen Stress auflösen.

  • Soziale Beziehungen: Wenn Beschäftigte keine Unterstützung durch Kollegen oder Vorgesetzte erfahren, sie sozial isoliert sind, Konflikten oder destruktivem Führungsverhalten ausgesetzt sind, kann dies die seelische Gesundheit beeinträchtigen.

  • Arbeitsumgebung: Fehlende Einflussmöglichkeiten auf die Beleuchtung, das Raumklima, schlechte Sichtverhältnisse sowie Lärm und störende Hintergrundgeräusche können psychischen Stress verursachen.

Aus den Augen? In den Sinn!

Unternehmen stehen in der Verantwortung, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Diese Pflicht endet nicht am Betriebstor. Auch mobile Arbeitsplätze müssen in die Gefährdungsbeurteilung aufgenommen werden. Welche Bedingungen hier gelten, muss von Fall zu Fall erhoben werden. Wenn Beschäftigte zum Beispiel häufig auf Dienstreisen unterwegs sind und regelmäßig im Zug, im Flugzeug, in Wartebereichen oder Hotelzimmern arbeiten, müssen auch diese Arbeitssituationen etwa in Bezug auf die Ergonomie und psychische Belastungsfaktoren erfasst werden.

Das Homeoffice zählt ebenso als mobiler Arbeitsplatz, sicherlich der beliebteste zur Zeit der Corona-Pandemie. Was Arbeitgeber hierbei in Hinblick auf die Gefährdungsbeurteilung beachten müssen, erklärt Nils Backhaus, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Fachgruppe „Arbeitszeit und Organisation“ von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, im Interview.

Gefährdungsbeurteilung im Homeoffice

Herr Backhaus, welche Pflichten bestehen bei der Gefährdungsbeurteilung für Arbeitgeber bei Homeoffice?

Das Arbeitsschutzgesetzt verpflichtet Arbeitgeber dazu, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen – und das gilt unabhängig davon, wo der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin arbeitet. Das ist im Grunde nichts Anderes als bei einem Arbeitsplatz im Büro auch: Der Arbeitgeber muss sich ein Bild von den möglichen Gefährdungen und Belastungen – körperlichen wie psychischen – machen und sie präventiv ausschalten.

Kaum ein Arbeitgeber geht aber zuhause durch die Wohnung, um sich ein Bild von der Arbeitssituation zu machen. Wie wird das daher in der Praxis umgesetzt?

Tatsächlich ist es eher die Ausnahmesituation, dass ein Homeoffice-Arbeiter Hausbesuch bekommt und sein Vorgesetzter oder eine Fachkraft für Arbeitssicherheit die Wohnung begeht. In der Regel setzen Unternehmen hierfür Checklisten ein, die bereits eine Liste typischer Gefährdungen enthalten. Die Beschäftigten füllen diese Listen aus, melden mögliche Belastungen und diese müssen dann durch den Arbeitgeber beseitigt werden. Auch eine Arbeitsplatzbegehung in Form einer Videokonferenz oder anhand von Fotos ist möglich.

Was sind denn die größten Gefährdungen im Homeoffice?

Da ist zum einen die mangelnde Entgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben. Beschäftigte im Homeoffice profitieren einerseits von der zeitlichen Flexibilität, andererseits arbeiten sie zu Hause häufig länger als im Büro und achten nicht so genau auf ihre Pausen. Vielen Homeoffice-Workern fehlt zudem der Kontakt zu Kollegen und Vorgesetzten – soziale Isolation ist ein Stressfaktor.

Worin besteht in Hinblick auf die Gefährdungsbeurteilung der Unterschied zwischen einem Homeoffice- und einem Telearbeitsplatz?

Das reguläre Homeoffice, wie es auch in der Corona-Pandemie flächendeckend umgesetzt wurde, fällt unter das „mobile Arbeiten“, also Arbeiten von überall außerhalb des Büros. Die Ausgestaltung eines festen Telearbeitsplatzes ist hingegen in der Arbeitsstättenverordnung geregelt und dieser wird auch vertraglich mit den Beschäftigten vereinbart.

Bei Telearbeitsplätzen sind die rechtlichen Rahmenbedingungen strenger in Bezug zum Beispiel auf die Büroausstattung oder die Abstände von Bildschirm und Tastatur. Kurzum: Der Arbeitgeber wird bei der gesundheitsgerechten Ausstattung eines Telearbeitsplatzes viel mehr in die Verantwortung genommen. Das spiegelt sich auch in der Gefährdungsbeurteilung wider.

Bereits jetzt kündigen viele Beschäftigte an, auch nach der Pandemie zum Teil auch weiterhin im Homeoffice arbeiten zu wollen – werden dann mehr offizielle Telearbeitsplätze geschaffen?

Ich fürchte nicht – und das bereitet mir sorgen. Grundsätzlich ist es für Unternehmen aus den genannten Gründen teurer, offiziell Telearbeitsplätze einzurichten. Das Homeoffice ist aus betrieblicher Sicht attraktiver. Das ist leider eine rechtliche Grauzone, da die beiden Arbeitsformen nicht scharf voneinander abgegrenzt werden.

Als Arbeitsschutzexperte bin ich jedoch der Meinung, dass wenn ein Beschäftigter regelmäßig, also schon einen Tag die Woche, von zuhause aus arbeitet und dort vollwertig seine Arbeit erledigen kann, es sich um einen Telearbeitsplatz handelt. Und das sollte auch rechtlich sowie in Hinblick auf die Gefährdungsbeurteilung als solcher behandelt werden.

jbr