So machen Sie richtig Pause

Hände hoch, Stift fallen lassen

Es ist Mittagszeit und die Kantinenplätze bleiben leer, ebenso die Parkbänke vor der Tür. Dafür rascheln die Brötchentüten im vollbesetzten Großbüro. Statt Erholung gibt es Picknick vorm Bildschirm. Der größte Teil der Beschäftigten arbeitet häufig einfach durch. Nur vier von zehn Angestellten nehmen sich jeden Tag Zeit für eine Mittags- oder Erholungspause. Das zeigt eine Studie der Krankenversicherung Pronova BKK. Jeder Dritte verlässt seinen Arbeitsplatz im Laufe des Arbeitstages nicht ein einziges Mal.

Klug ist das nicht. Die Forschung zeigt, dass pausenloses Arbeiten dazu führt, dass Motivation, Kreativität und Aufmerksamkeit in den Keller rutschen, es passieren leichter Fehler. Dass Menschen, die Pause machen, produktiver arbeiten, ist bereits seit über 100 Jahren bekannt. In Studien zeigte sich, dass Arbeiter in Bergwerken doppelt so viele Loren Kohle abtragen konnten, wenn sie alle 15 Minuten eine kurze Pause einlegten. Und auch für die Gesundheit kann Arbeiten ohne Unterlass ein Problem werden. Wenn die Regeneration fehlt, treten Erschöpfungszustände auf. Das belastet das Immunsystem, die Betroffenen sind anfälliger für Infekte. Auf Dauer kann das Erholungsdefizit sogar Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankungen wie Typ 2 Diabetes mit verursachen.

Kurzpausen zum Auftanken

Um Beschäftigte zu schützen, hat das Arbeitszeitgesetz festgelegt, dass jeder, der mehr als sechs Stunden arbeitet, mindestens 30 Minuten Pause machen muss. Daraus hat sich im Arbeitsalltag die halbstündige Mittagspause etabliert – wenn sie denn genommen wird – als Halbzeit eines Acht-Stunden-Tages. „Diese Regelung stammt aus einer Zeit, in der es hauptsächlich darum geht, körperlich Arbeitenden eine Verschnaufpause zu lassen“, erklärt Prof. Dr. Rüdiger Trimpop, Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Für Büroarbeiter ist diese Gepflogenheit aus wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll.“

Insbesondere für Menschen, die geistig und kreativ arbeiten, sei es wichtig, so der Arbeitsforscher, mehrere kurze Pausen zu nehmen. Für ein Maximum an Produktivität und Erholung sollten Beschäftigte ihre Pausen individuell und jeweils nach einem Belastungsabschnitt nehmen. In Studien erzielten Pausen nach Belastungsabschnitten von 90 Minuten gute Effekte. Diese Ergebnisse spiegeln die Untersuchungen des Schlafforschers Nathaniel Kleitman wieder. Er stellte bereits vor über 60 Jahren fest, dass das menschliche Gehirn sowohl im Schlaf als auch im Wachzustand einzelne Konzentrationsphasen durchläuft. Diese Konzentrationsphasen dauern etwa 90 Minuten. Danach lässt die Aufmerksamkeit nach und der Körper braucht eine Pause.

Kontrastprogramm bringt mehr

Mehrere kurze Arbeitsunterbrechungen von fünf bis zehn Minuten pro Stunde tun der Erholung gut. Grundsätzlich gilt, dass der Erholungseffekt zu Beginn einer Pause am größten ist. Je länger jemand am Tag bereits gearbeitet hat, desto länger sollten die Pausen sein.

Noch wichtiger als die Zeit, in der pausiert wird, ist die Art der Pausengestaltung. Etwas essen, sich mit Kollegen unterhalten, einen Spaziergang machen, leichten Sport treiben, ein Power-Nap halten, malen oder meditieren – das sind Beispiele für gesunde Pausenaktivitäten. Aber auch beim Thema Pauseninhalt sollten Beschäftigte möglichst individuell bestimmen. „Erholung kann man nicht verallgemeinern“, sagt Arbeitssoziologe Trimpop. „Wichtig ist jedoch, dass die Pause einen klaren Kontrast zum Arbeitsalltag darstellt.“

Und dieser unterscheidet sich zwischen einzelnen Berufen. Während Call-Center-Mitarbeiter während ihrer Pausen in der Regel keinen Redebedarf mehr haben und sich am besten in stillen Räumen erholen können, brauchen Sachbearbeiter, die den ganzen Tag im Einzelbüro verbringen, vielleicht eine Pause mit Bewegung und Gesellschaft.

Pausenzwang – manchmal nötig

Eine individuelle Pausengestaltung abseits der Stechuhr ist mit all ihren Vorteilen jedoch ein zweischneidiges Schwert. Während viele Unternehmen fürchten, dass Beschäftigte durch den gewonnenen Freiraum gar nicht mehr arbeiten, besteht auf anderer Seite die Gefahr der Selbstausbeutung. „Manche Mitarbeiter missbrauchen Pausenregelungen, andere missbrauchen sich selbst“, sagt Trimpop.

Der Organisationssoziologe hatte ein Unternehmen bei der Umstrukturierung hin zu vollautonomen Arbeitsplätzen begleitet. Mit dem Wegfall von Kontrolle und Zeiterfassung stieg die Motivation. Der Gewinn verdreifachte sich. Doch die Rechnung ging dennoch auf Kosten der Beschäftigten, die sich selbst keine Pausen gönnten. Die Unternehmensleitung musste ein Stück vom Autonomie-Gedanken zurückrudern und verpflichtende Erholungs- und Pausensysteme entwickeln.

Weg vom schlechten Gewissen

Dass es gesund und vernünftig ist, während der Arbeit regelmäßig abzuschalten, kein Zeichen von Faulheit, und dass Pausen nicht dazu da sind, sich mit Geschäftskunden zum Essen zu verabreden, also um weiterzuarbeiten, hat sich auch heute noch nicht in den Köpfen vieler Unternehmen und Mitarbeiter festgesetzt. Kaum ein Angestellter legt mit gutem Gefühl seinen Kopf zum Kurzschlaf auf den Schreibtisch, wenn der Chef in der Nähe ist. Und auch die Führungskräfte selbst zeichnen sich nicht durch ihr gesundes Pausenverhalten aus – auch das zeigt die Pronova-Studie: Mehr als drei Viertel der Arbeitnehmer sehen in ihren direkten Vorgesetzten kein Vorbild, wenn es um gesundheitsbewusstes Arbeiten geht.

„Die Pausenkultur in Deutschland muss sich dringend verbessern und die Führungskräfte haben einen wichtigen Anteil daran“, sagt Trimpop. „Sie müssen nicht nur sagen, dass Pause machen in Ordnung, sondern auch selbst ihre Pausen konsequent nehmen und zur Erholung nutzen.“ jbr

Diese Apps helfen beim Pause machen

Nutzer der „Time out“-Software können beliebig häufige und beliebig lange Bildschirmpausen einstellen. Während einer Pausenphase wird der Bildschirm grau und das Symbol der App fordert dazu auf, Pause zu machen.

Haben Sie genug getrunken? Die App „Waterminder“ zeichnet den Flüssigkeitskonsum auf und erinnert daran, regelmäßige Trinkpausen einzulegen.

„Hear and Now“ ist eine App, die durch einen Signalton Entspannungspausen herbeiruft. Kurze Atmungs- und Meditationsübungen senken das Stresslevel.