Mit Strategie und Feingefühl

Suchtprävention im Unternehmen

Sucht ist kein gesellschaftliches Randproblem. Insbesondere die Abhängigkeit von Alkohol betrifft viele Menschen – auch am Arbeitsplatz. Markus Kappes, Suchtberater und Teamleiter Gesundheitsmanagement in den B·A·D-Gesundheitszentren Darmstadt und Frankfurt, erklärt im Interview, was Unternehmen tun können, um die betriebliche Suchtproblematik zu lösen.

Herr Kappes, warum sollten sich Unternehmen mit dem Thema „Alkohol am Arbeitsplatz“ auseinandersetzen?

Arbeiten unter Alkoholeinfluss mindert die Leistungsfähigkeit und führt zu Produktivitätsverlusten. Des Weiteren wirkt sich Alkoholkonsum auf die Arbeitsunfähigkeitszeiten aus. Zwei skandinavische Studien haben herausgefunden, dass ein Anstieg des Pro-Kopf-Konsums der Bevölkerung um einen Liter Reinalkohol mit einem Anstieg von 13 Prozent krankheitsbedingter Fehlzeiten verbunden ist. Allerdings ist nicht nur die Gesundheit der trinkenden Mitarbeiter betroffen, sondern auch die von Dritten. Denn vielfach müssen die erhöhten alkoholbedingten Ausfälle durch die Kollegen kompensiert werden. Hier droht Überlastung, Schädigung des Arbeitsklimas und Verminderung der Motivation und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter.

Warum kann es wichtig für die Betroffenen sein, dass sie auf betrieblicher Ebene auf ihren Konsum angesprochen werden und welche Stolpersteine gibt es?

Vielfach wird ein suchtmittelabhängiges Verhalten im Betrieb erst sehr spät ersichtlich. Die Betroffen versuchen häufig nicht aufzufallen, weil sie – berechtigt oder nicht – davon ausgehen, dass ihr Verhalten negativ konnotiert wird. Aus der Erfahrung mit diesem Thema wissen wir aber auch, dass eine Intervention des Arbeitgebers häufig einen wichtigen Impuls für eine Verhaltensänderung der Betroffenen darstellen kann, zumindest dann, wenn der Arbeitsplatz einen höheren Wert für die Mitarbeiter besitzt.

Auf Grund des Zeitverzugs im betrieblichen Kontext können wir jedoch davon ausgehen, dass es vielfach schon Interventionen im privaten Bereich gegeben hat, die letztlich nicht zur Veränderung des Verhaltens beigetragen haben. Problematisch ist hierbei, dass sich im Verlauf der Entwicklung häufig eine bestimmte Kommunikationsform einstellt hat, die geprägt ist von Vorwürfen („Hör doch auf mit dem Mist, du ruinierst deine Familie“), Abwertungen ( „Wenn du nur wolltest, würdest du“) und der Forderung, dass sich der Betroffene einer Diagnose unterwirft („Du musst endlich mal einsehen, dass du süchtig bist“). Dies geschieht meist in positiver Absicht, die den Betroffenen zur Einsicht bringen soll, sein Verhalten zu ändern. Als Führungskraft sollte ich vermeiden, diese Kommunikationsmuster zu wiederholen, weil damit die Gefahr besteht, dass der Mitarbeiter in alte Strategien der Leugnung, Ablenkung und des Widerstandes verfällt.

Wie sollte betriebliche Suchthilfe implementiert werden?

Betriebliche Suchthilfe sollte sich aus drei Bausteinen zusammensetzen: Der Rahmung des Themas in Form von Regelungen, wie zum Beispiel Betriebsvereinbarungen, der Prävention auf Verhaltens- und Verhältnisebene und schließlich Intervention, wenn ein Mitarbeiter auffällig wurde. Darüber hinaus sollte sie idealerweise in ein strukturiertes Betriebliches Gesundheitsmanagement eingebettet sein.

Verhaltenspräventive Maßnahmen wie Informationen an Beschäftigte oder Schulungen der Führungskräfte und Auszubildenden sind vielerorts bereits etabliert. Diese sollten ergänzt werden durch die regelmäßige systematische Analyse der Arbeitsbedingungen. So können ungünstige Bedingungen, zum Beispiel dauerhaft hoher Arbeitsdruck oder eskalierende Konflikte, durchaus negative psychische Beanspruchungen nach sich ziehen, die wiederum begünstigend für Suchtmittelkonsum sein können. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen kann hierfür ein wichtiger Impuls für verantwortliches unternehmerisches Handeln sein.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die betriebliche Suchthilfe?

Manche Betriebe haben sich bislang schon schwer getan, sich mit dem Thema Alkohol auseinanderzusetzen. Aber neue Themen kommen dazu. So haben laut DAK-Gesundheitsreport 2015 sieben Prozent der Befragten angeben, wenigstens einmal im Leben auf Medikamente zur Leistungssteigerung zurückgegriffen zu haben. Nimmt man die geschätzte Dunkelziffer hinzu, so kommt man auf zwölf Prozent. Ungefähr 2 bis 3,5 Prozent (mit Dunkelziffer) betreiben dieses sogenannte pharmakologische Neuroenhancement zweimal pro Monat und öfter.

Es wird spannend sein, wie sich dieses Phänomen entwickelt und wie wir als Unternehmen, aber auch als Gesellschaft mit dem Themen des „Hirndopings“ umgehen wollen und werden.

Markus Kappes,
Teamleiter Gesundheitsmanagement in den B·A·D-Gesundheitszentren Darmstadt und Frankfurt, berät Mitarbeiter und Führungskräfte unter anderem zum Thema Sucht im betrieblichen Kontext.


Webtipp
www.bad-gmbh.de