Was tun mit Oma

Wenn Beschäftigte in die Pflegekrise kommen

Beruf und Familie vereinbaren – ein Problem, das nicht nur junge Eltern betrifft, sondern auch Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte. Nämlich dann, wenn einer ihrer Angehörigen sich nicht mehr selbst versorgen kann. Akute Pflegefälle stürzen häufig vor allem Berufstätige in eine Krise. So können Unternehmen ihre Beschäftigten unterstützen.

Bereits seit ein paar Monaten fallen meiner Mutter die Namen ihrer Cousins nicht mehr ein – das Gedächtnis lässt im Alter eben nach. Neulich trug sie eine schmutzige Bluse – naja, jeder kleckert mal. Aber am nächsten Tag trug sie die Bluse wieder. Das war schon komisch. Doch gestern hatte sie vergessen, den Herd auszustellen und bemerkte es erst als der Rauchmelder ansprang. Da war mir klar, ich kann sie nicht mehr alleine lassen.“ In dieser Art beschreiben viele Angehörige den Weg ihrer Eltern in die Pflegebedürftigkeit – und damit ihren ihren Weg in die Pflege.

Wir altern schleichend – und doch plötzlich. Wenn Eltern alt werden, übernehmen die Angehörigen zu Anfang meist einfache Tätigkeiten, erledigen Einkäufe, teilen die Medikamente für die Woche ein. Wenn die körperlichen oder geistigen Fähigkeiten der Eltern abnehmen, unterstützen sie auch zunehmend im Haushalt, putzen das Badezimmer, kochen Essen vor oder helfen jeden Morgen dabei, die Stützstrümpfe anzuziehen. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem die Pflegebedürftigkeit so groß wird, dass die Angehörigen sie nicht mehr stemmen können. Und dann entsteht für alle Beteiligten ein großes Problem.

Seelische Belastung

Mehr als 70 Prozent der rund dreieinhalb Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut – und dass zum Großteil von ihren Angehörigen. Für sie wird die Situation zu einem Spagat zwischen der Pflege, dem eigenen Familienleben und ihrer Berufstätigkeit. Denn ein Drittel der Pflegenden steht noch im Erwerbsleben, ein Fünftel arbeitet in Vollzeit. Das ist das Ergebnis einer Studie der DAK. Sie zeigt auch, wie belastend die Pflege für das Familienleben und die Seele der Angehörigen sein kann. Jede Fünfte von ihnen leidet unter Depressionen. Mehr als zwei Drittel geben zu, manchmal psychisch mit der Situation überfordert zu sein.

Es ist belastend mitzuerleben, wie die eigenen Eltern zunehmend unselbstständig werden. Vorher waren sie der Fels in der Brandung, jetzt wirken sie zerbrechlich. Insbesondere wenn Mutter oder Vater an Demenz erkrankt sind, bedeutet die Pflege auch jeden Tag ein Stück weit Abschied zu nehmen. Zusätzlich ist die Pflegetätigkeit organisatorisch und auch finanziell für die Angehörigen eine Belastung. Dazu kommt die Sorge um den Job, der oft zumindest zeitweise zurücktreten muss. Und da es hauptsächlich die Frauen sind, die die Pflege übernehmen, sehen sie sich nach der Elternzeit zum zweiten Mal der Herausforderung gegenüber, Familie und Beruf irgendwie in Einklang zu bringen.

Zeit für Pflege

Dass das Thema Vereinbarkeit von Job und Familie in der zweite Lebenshälfte wieder eine Rolle spielt, hat auch der Gesetzgeber erkannt. Ähnlich wie bei der Elternzeit besteht für Beschäftigte ein Anspruch auf eine Pflegezeit. Unternehmen, die mehr als 15 Mitarbeiter beschäftigen, müssen ihren Beschäftigten Pflegezeit gewähren. Bei einem plötzlich auftretenden Pflegefall in der Familie können Angehörige sofort bis zu zehn Tage Urlaub nehmen, um die Pflege zu organisieren. Bis zu sechs Monate können sich pflegende Angehörige danach unbezahlt freistellen lassen oder ihre Arbeitszeit verkürzen.

Mit der Familienpflegezeit können Beschäftigte in Betrieben mit mehr als 25 Mitarbeitern ihre Arbeitszeit für 24 Monate verkürzen, um Angehörige zuhause zu pflegen. Steht ein Angehöriger kurz vorm Sterben, besteht die Möglichkeit, sich für drei Monate freistellen zu lassen, um ihn in der letzten Lebensphase zu begleiten.

Unternehmen gefordert

Die Regelungen im Pflegezeitgesetz sollen arbeitende pflegende Angehörige unterstützen, doch sie allein reichen nicht aus. Pflege ist eben nicht wie Elternzeit. Wer ein Baby erwartet, hat in der Regel neun Monate Zeit, sich darauf vorzubereiten. Ein Pflegefall kommt in vielen Fällen plötzlich. Und so brauchen Angehörige schnelle, unbürokratische Hilfen und sind auf die Kulanz und Unterstützung ihres Arbeitgebers angewiesen. Die jedoch haben ihren Handlungsbedarf weitgehend noch nicht erkannt.

Der Großteil der Unternehmen hält keine betriebsinternen Angebote parat, die pflegende Mitarbeiter entlasten. Drei von vier Unternehmen finden nicht, dass eine solche gezielte Unterstützung ein wichtiges Thema ist. Das zeigt eine Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP). Als Gründe hierfür nennen die Unternehmen, dass Unterstützungsmaßnahmen zu teuer seien, sie nicht wüssten, welche Mitarbeiter Unterstützung bräuchten, oder wie genau sie ihnen helfen könnten. Mit am häufigsten nannten Unternehmen jedoch das Argument, dass die Umsetzung solcher Angebote zu aufwändig und andere Fragen wichtiger seien.

Diese Einstellung ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass bereits heute mehr als zwei Millionen Erwerbstätige einen Angehörigen zu Hause pflegen. „Als Gesellschaft sind wir dringend auf die Familienarbeit der pflegenden Angehörigen angewiesen, die für diese häufig sehr belastend ist. Gleichzeitig können wir nicht auf ihre Arbeitskraft in der Wirtschaft verzichten“, sagt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP. „Gute Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist also ein Gebot der Stunde. Darum sind auch die Unternehmen in der Verantwortung, ihre Mitarbeiter bei der Bewältigung der Pflege zu unterstützen.“

Betriebliche Ansprechpartner

Erkannt hat diesen Bedarf auch das Konsumgüter-Handelsunternehmen Tchibo. Mitarbeiter, die Angehörige pflegen, können bei Tchibo auf flexible Arbeitszeitmodelle umsteigen oder Pflegezeit nehmen und dass im Akutfall auch sofort und unbürokratisch, also auch bevor sie eine Bescheinigung zum Pflegegrad in der Hand halten. Zusätzlich arbeitet Tchibo mit einem Dienstleister zusammen, der pflegende Angehörige zu Fragen rund um die Pflege berät und Betreuungspersonal, ambulante Pflegedienste oder sogar Heimplätze vermittelt.

„Wenn Angehörige pflegebedürftig sind, machen sich die Mitarbeiter große Sorgen um deren Gesundheit – da sollten sie sich nicht auch noch um ihren Job sorgen müssen“, sagt Anna-Helen Bunkus, Personalmanagerin bei Tchibo. Bunkus ist Vereinbarkeitslotsin im Unternehmen und Ansprechpartnerin für Kollegen zum Thema Pflege. Sie informiert Mitarbeiter, hält Informationsmaterialien und vermittelt dann bei Bedarf weiter. „Für die meisten Betroffenen ist es bereits eine große Erleichterung, einmal über ihre Situation sprechen zu können und zu erfahren dass sich der Arbeitgeber um ihre Belange kümmert“, erläutert Bunkus.

Bunkus fand sich selbst in der Situation, die Pflege eines an Demenz erkrankten Elternteils meistern zu müssen und weiß, was für erwerbstägige Angehörige in dieser Situation wichtig ist: „Unkomplizierte Hilfe, Informationen und vor allem Verständnis.“ Jbr