Mindful Leadership

Ich sehe dich, ich sehe mich

Wenn Mitarbeiter nicht in Reichweite sind, ist Nähe besonders wichtig. Achtsame Führungskräfte nehmen ihre Bedürfnisse wahr – und vor allem auch die eigenen. Achtsamkeit ist eine Schlüsselqualifikation, um die Produktivität und Gesundheit der Mitarbeiter, aber auch die eigene Arbeitsfähigkeit hoch zu halten. Und sie ist kein Hexenwerk. Verschiedene Methoden rüsten dafür, achtsame Führung zu erlernen.

Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen. Oder besser: Wer andere gut führen will, richtet den Blick zunächst nach innen. Achtsamkeit ist nicht nur ein Meditationstrend für die Freizeit. Achtsam zu sein, hat viele nützliche Effekte im Berufsleben, insbesondere für Führungskräfte.

Bereits im Jahr 2007 entwickelte einer der ersten Google-Ingenieure, Chade-Meng Tan, das Programm „Search Inside Yourself (SIY)“. Tan führte bereits vorher Mindfulness-Trainings, die auf dem Konzept der Achtsamkeit beruhten, auf dem Google-Campus durch. Sie halfen den Mitarbeitern dabei, in stressfreien Zeiten besser und gesünder mit sich selbst und anderen umzugehen.

Search Inside Yourself ist ein Training, das neurowissenschaftliche Erkenntnisse, Achtsamkeitsverfahren und die Säulen der emotionalen Intelligenz verbindet. Führungskräfte, die dieses Programm absolvieren, lernen dabei, wie sie den Fokus halten, Empathie schulen, eine produktive Gesprächsführung übernehmen und die eigene psychische Widerstandsfähigkeit im Alltag als Führungskraft stärken. Mittlerweile wird dieses Programm unabhängig von Google in vielen Ländern der Welt angeboten.

Achtsame Chefs sind bessere Chefs

Dass Achtsamkeit positive Effekte auf Körper und Geist hat, gilt wissenschaftlich als belegt. Menschen, die Achtsamkeit praktizieren, tragen dazu bei, Stress, Depressionen und Ängste zu verringern – und das überträgt sich auch auf ihr Führungsverhalten. Stress erhöht impulsive Reaktionsmuster und verschlechtert soziales Verhalten. Achtsame Führungskräfte können ihre Emotionen besser regulieren. Das macht sie ausgeglichener und fördert ihr Sozialverhalten.

Während Belastung und Anspannung durch praktizierte Achtsamkeit sinken, steigen die Konzentrations- und Merkfähigkeit, die Produktivität, die Qualität der Entscheidungen sowie das Wohlbefinden am Arbeitsplatz. Das zeigt eine Untersuchung der Kapala Leadership Academy. Und genau diese Qualitäten sind es, die Führungskräfte in einer Arbeitswelt geprägt von Pandemie und Digitalisierung brauchen.

Mindful Leadership

Arbeiten zwischen Präsenz und Homeoffice, innovative Technologien bewältigen, täglich neue Regeln beachten, Prozesse umgestalten, Teams zusammenhalten, die als solche nicht mehr zusammensitzen – die vergangenen zwei Jahre haben die Anforderung an Agilität für Führungskräfte, also die Fähigkeit, sich stetig flexibel an neue Gegebenheiten anzupassen, enorm erhöht. Mehr denn je müssen Führungskräfte in der Lage sein, gelassen auf Veränderungen zu reagieren und gleichzeitig den Pioniergeist und die Ideen für neue Prozesse bei ihren Mitarbeitern zu fördern.

Und das bedeutet: die Antennen für die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu schärfen. „Mindful Leadership“ ist ein wichtiges Werkzeug zur Mitarbeiterführung. „Die allerwichtigste Aufgabe für Führungskräfte ist es, mit ihren Mitarbeitern in Verbindung zu bleiben – insbesondere mit denen, die im Homeoffice arbeiten“, erklärt Führungskräfte-Coach Andreas Berwing. „Kontakt ist die Grundlage, um eine Beziehung und Vertrauen aufzubauen.“

Kontakt pflegen

Berwing empfiehlt hierfür, einmal die Woche ein Gespräch – persönlich oder digital – von fünf bis zehn Minuten zu führen. Kernpunkt ist die Frage: Was ist letzte Woche gut gelaufen? „Mit dieser Frage gelingt es mir als Führungskraft, das Mindset auf etwas Positives zu lenken“, erläutert Berwing. „Jeder Mensch hat den Anspruch an sich selbst, etwas Gutes zu tun und hierfür Wertschätzung zu erfahren. Wenn ich meine Mitarbeiter danach frage, was in ihnen passiert, befriedige ich dieses Bedürfnis.“

Der zweite Punkt auf der Agenda des kurzen Wochengesprächs wäre dann die Frage, ob Mitarbeiter rote Flaggen sehen, sprich: Ob es etwas gibt, dass besser laufen sollte. „Damit signalisiere ich den Mitarbeitern, dass sie mir wichtig sind und ich ihre Meinung wertschätze“, erläutert Berwing.

Wo stehen meine Mitarbeiter?

Das Homeoffice macht viele Prozesse unsichtbarer. Die Pandemie und die Veränderungen der Arbeitsprozesse haben bei vielen Menschen Spuren hinterlassen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Depressionen und Angststörungen zugenommen haben. Auch soziale Folgen von Pandemie, Lockdown und Kontaktbeschränken wirken auf viele Beschäftigte: Isolation, veränderte Lebens- und Arbeitsrhythmen sowie Probleme, sich diesen anzupassen, der Wegfall von sozialen Kontakten im beruflichen und privaten Umfeld, wirtschaftliche Probleme.

Hinzu kommen bei einigen Menschen auch körperliche Veränderungen wie etwa Übergewicht durch Bewegungsmangel, aus dem wiederum Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck entstehen können. Und dann sind da noch diejenigen, die eine Corona-Infektion zwar überstanden, aber immer noch unter den Langzeitfolgen leiden.

Die Spuren der vergangenen Jahre sichtbar zu machen, ist eine wichtige Aufgabe der achtsamen Führung. Auch hierfür ist es wichtig, stets in Kontakt zu bleiben. Einerseits ist es wichtig, konkret das Befinden und den individuellen Stresslevel der Mitarbeiter zu erfragen. Doch auch Beobachtungen, zum Beispiel bei Videokonferenzen, geben Aufschluss, ob ein Mitarbeiter körperliche Anzeichen von Stress oder Veränderungen des Gesundheitszustands zeigt.

Achtsamkeit für die eigenen Bedürfnisse

Gute Führungskräfte führen, indem sie ein gutes Vorbild abgeben. Im Kontext des Mindful Leadership bedeutet dies, auch achtsam sich selbst gegenüber zu sein, die eigenen körperlichen und psychischen Bedürfnisse im Blick zu behalten. Ein Beobachtungsbogen kann dabei helfen. Es ist wichtig, regelmäßig auch mal offline zu gehen, Pause zu machen und die eigene Arbeitsdichte und Arbeitsorganisation zu evaluieren.

„Eine weitere Möglichkeit, Achtsamkeit zu üben, ist es, Dankbarkeit zu praktizieren“, empfiehlt Führungskräfte-Coach Berwing. „Es lohnt sich, sich jeden Tag vor Augen zu halten, was gut im Leben gelaufen ist, für was ich dankbar bin, aber auch, was ich in Zukunft besser machen möchte. Es ist wichtig, sich die Zeit zu nehmen, sich selbst zu reflektieren.“

Und diese Art der Selbstreflektion ist wiederum die Grundlage, um andere Menschen gut zu führen. „Menschen kann man nichts vormachen, sie merken, wenn andere nicht authentisch sind“, erklärt Berwing. „Daher sollten Führungskräfte regelmäßig überprüfen, ob sie den eigenen Ansprüchen an Gesundheit, Loyalität, Ehrlichkeit auch selbst gerecht werden.“ jbr