Raus aus der Nische

Das Betriebliche Gesundheitsmanagement muss sich strategisch positionieren

Die Betriebs- und Werksärzte haben ihre Chance genutzt – auch dank guter Verbandsarbeit. Sie impfen. Mit hohem Zuspruch bei den Beschäftigten. Und die Betrieblichen Gesundheitsmanager, -beauftragten und -experten? Sie warten. Auf die Zeit nach COVID 19. Auf den nächsten Gesundheitstag, die Rückenschule, den Fitness-Kurs und das Anti-Stress-Training. Alles wichtig und richtig. Aber eben kein wirkliches Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM).

Die Corona-Pandemie hat sehr deutlich aufgezeigt, wie wichtig die Beratung und Versorgung von Beschäftigten und Arbeitgebern in Fragen der betrieblichen Gesundheit durch betriebliche Gesundheitsexperten ist. Weil sie auf direkte betriebliche Betreuungsstrukturen zugreifen können. Weil sie akzeptiert werden und über Detailkenntnisse zu den teilweise sehr unterschiedlichen Abläufen in den Betrieben verfügen. Weil sie die unterschiedlichen tätigkeitsspezifischen Gefährdungen der Beschäftigten an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen und deren Schutzbedürftigkeit kennen.

Verpflichtende Grundbetreuung

Das gilt natürlich gleichermaßen für die Gesundheitsmanager in den Betrieben. Auch sie sind vor Ort, auch sie kennen die Belange und Bedürfnisse der Beschäftigten. Und sie agieren auf der gleichen gesetzlichen Grundlage: der Verpflichtung des Arbeitgebers zum Arbeits- und Gesundheitsschutz nach dem Arbeitsschutzgesetz und zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement nach dem Sozialgesetzbuch. Für die einen kommen dann noch die freiwilligen Leistungen des Arbeitgebers zur betrieblichen Gesundheitsförderung hinzu, für die anderen die Aufgaben aus der DGUV-Vorschrift 2 der gesetzlichen Unfallversicherungsträger.

Aus allem resultiert verpflichtend vorgeschrieben eine sowohl sicherheitstechnische als auch arbeitsmedizinische Grundbetreuung. „Dazu gehören zum Beispiel sowohl die allgemeine arbeitsmedizinische Beratung von Arbeitgebern oder betrieblichen Interessenvertretungen bei der Erstellung und Umsetzung von Hygieneplänen oder der Gefährdungsbeurteilung“, sagt Dr. med. Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes deutscher Betriebs- und Werksärzte e. V. (VDBW). „Nicht vergessen sollte man aber auch die Untersuchung von speziellen gesundheitsrelevanten Ereignissen im Unternehmen.“

Sichtbarkeit in der Krise

Und eben die Mitwirkung an der COVID-19-Impfkampagne. Dabei geht es weniger um die Frage wer impft, sondern um die Sichtbarkeit im größten Präventionssetting unserer Gesellschaft, der Arbeitswelt.

Ein Beispiel: Im Rahmen des Netzwerk-Projektes „Gesund arbeiten in Thüringen“ ermöglicht ein Modellversuch der Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) und der Barmer Krankenkasse kleineren und mittelständischen Unternehmen, die nicht über die nötige Infrastruktur verfügen, ihren Beschäftigten betriebsübergreifend eine Impfung anzubieten.

Für die Aktion an insgesamt drei Standorten haben sich 30 Unternehmen aus dem Netzwerk registriert. Über 600 Beschäftigte wurden geimpft. „Kleinere Betriebe dürfen bei der Pandemiebewältigung und der Gesundheitsvorsorge nicht ins Hintertreffen geraten. Der Zusammenschluss in Netzwerken bietet eine für alle Beteiligten praktikable Lösung“, kommentiert die Landesgeschäftsführerin der Barmer, Birgit Dziuk, die konzertierte Aktion.

Flaute bei BGM-Maßnahmen

Das subkutan vermittelte Ziel der Akteure ist aber auch: Flagge zeigen. Wer in der Krise wahrgenommen wird mit konkreter Hilfe, innovativen Angeboten und neuen Kooperationen, dem wird auch danach Relevanz zugemessen – von Beschäftigten, Arbeitgebern und der Gesellschaft. Diese Chance haben die Betriebsärzte erkannt.

Und die Gesundheitsmanager? Auch Betriebliches Gesundheitsmanagement fand bis zur Corona-Krise überwiegend direkt vor Ort in den Betrieben statt. Aufgrund der Hygienevorschriften, des Kontaktverbotes, der Kurzarbeit und dem Umzug vieler Beschäftigter ins Homeoffice wurde dieser Einsatzort in der Krise zur Quantité négligeable. Zudem fuhren viele Unternehmen ihr Angebot an BGM-Dienstleistungen zurück. „Nicht selten ist es in finanziell eher schwierigen Zeiten der erste Impuls, beim BGM zu sparen“, klagt wellabe-Geschäftsführer Dr. Sebastian Dünnebeil. „In vielen Unternehmen wird es noch immer als ‘Nice to have’ angesehen und nicht als strategisches Instrument.“

Digitaler Sprint

So quasi über Nacht ihres Einsatzortes und ihrer Einnahmen beraubt, setzten BGM-Manager und BGM-Dienstleister voll auf den Digital-Express. In Windeseile wurden Online-Angebote entwickelt, von Webinaren über Videoanleitungen, Gesundheits-Apps, Wearables und Videocoachings bis hin zur BGM-Komplettsoftware. Das digitale Betriebliche Gesundheitsmanagement (dBGM) war geboren.

Zugegeben: In der Pandemiesituation sind Online-Tools sicherlich ein geeignetes Vorgehen, aber sind sie auch ein als dauerhafter Weg? Bringt die Digitalisierung des BGM den erforderlichen Relevanzschub, um aus der Nice-to-have-Nische herauszukommen?

„Das Gesundheitsmanagement muss die Personalstrategie direkt messbar unterstützen“, fordert Bastian Schmidtbleicher. „Also raus aus der Benefit-Ecke – rein in gezielte und projektierte Arbeit.“ Damit spricht der Geschäftsführer der Moove GmbH an, was von der Welle digitaler Angebote verschüttet wurde: Der Management-Part des BGM. Ob es daran liegt, dass Mitarbeiter, die sich vor der Pandemie um das BGM gekümmert hatten, sich nun um den Infektionsschutz kümmern mussten, oder an zu sehr operativen Fokussierung auf Maßnahmen, sei dahingestellt.

Fakt ist: BGM-Ziele und die strategische Ausrichtung der Organisation sind noch immer zu selten aufeinander abgestimmt. „Meine Empfehlung an die Arbeitgeber lautet, sich im BGM professioneller und strategisch an den Unternehmenszielen entlang aufzustellen“, rät Tom Conrads, Geschäftsführer der insa Gesundheitsmanagement GmbH &Co KG. Fazit: BGM-Manager müssen die neue Aufmerksamkeit für betriebliche Gesundheit nutzen, um sich als unverzichtbarer Teil der Personalstrategie zu etablieren. Das ist derzeit die wichtigste Aufgabe.

jg