Generalistik in der Pflegeausbildung

All in One - mehr Flexibilität & höhere Qualität

Zu den wichtigsten Reformen, um die Attraktivität des Pflegeberufes nachhaltig zu steigern, zählt die Generalistik. Es handelt sich dabei um die Zusammenlegung der bislang getrennten Ausbildungen in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege. Carsten Drude, ehrenamtlicher Vorsitzender des Bundesverbandes Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS), spricht über die Qualitätsverbesserung der Ausbildung, aber auch über eine notwendige Feinjustierung des Gesetzes.

h@w: Herr Drude, Sie sind Krankenpfleger und bilden seit über zwanzig Jahren Krankenpfleger und Pflegeassistenten aus. Trauern Sie der alten Ausbildungsordnung nach?

Drude: Kein bisschen. Ich bin ein überzeugter Generalistik-Befürworter. Für den BLGS habe ich schon 2015 in einem Positionspapier die Chancen auf eine Qualitätsverbesserung der Pflegeausbildung durch die Generalistik beschrieben. Die Verantwortung für das Ausbildungsniveau muss allerdings bei den Schulen liegen, denn sie haben den Überblick über den Ausbildungsstand der einzelnen Schüler und können die Praxisphasen koordinieren. Das bleibt auch so, wenn die praktischen Einrichtungen als Arbeitgeber die Ausbildungsverträge unterschreiben.

h@w: Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger haben es mit völlig konträren Anforderungen durch Patienten, Betreute und Angehörige zu tun. Kann man in allen drei Bereichen gleich gut zu arbeiten?

Drude: Natürlich darf man jetzt nicht einfach „aus drei mach eins“ spielen und den Unterrichtsstoff ungeschoren lassen. Man muss den Lehrstoff der Schwerpunkte neu gestalten. Statt einer Unmenge von Details muss es darum gehen, lernen zu lernen. Dazu gehört eine vernünftige Einarbeitung der Auszubildenden in der jeweiligen Praxisphase.

h@w: Wie können Einrichtungen die Praxisphasen in der Alten-, der Krankenpflege und in der Kinderheilkunde garantieren, wenn sie selbst nur in einer Sparte Know-how haben?

Drude: Das geht nur durch enge Zusammenarbeit. Wir in der Franziskus Gesundheitsakademie Münster sind wie andere große Trägergesellschaften für den Start in die generalistische Ausbildung gut gerüstet. Denn wir haben uns frühzeitig um Kooperationspartner wie die Pflegeschule der Caritas in Münster bemüht. So können wir die Praxisphasen in allen Pflege-Sparten in hoher Qualität sichern. Ich bin überzeugt, dass das Gesetz einen Trend hin zu neuen Fusionen auslösen wird. Und das ist auch gut so, denn größere Ausbildungsverbünde können zur Qualitätsverbesserung der Ausbildung beitragen. Und darauf kommt es für uns Lehrende und erst Recht für die Pflegeschüler sowie deren Schutzbefohlene an.

h@w: Wenn nur die Großen oder Kooperationen gute Rahmenbedingungen bieten können, müssen später auch die Gehälter stimmen, sonst gehen alle Pfleger in besser bezahlende Krankenhäuser.

Drude: Gegen eine Marktbereinigung, nach der diejenigen mehr Leute bekommen, die tarifgebunden zahlen, habe ich nichts einzuwenden. Ich bin aber sicher, dass es unterschiedliche Typen gibt. Die einen wollen länger eine Beziehung pflegen und gehen in Senioreneinrichtungen, die anderen mögen die hohe Taktung der Krankenhäuser und eine dritte Gruppe wird in der ambulanten Pflege unterkommen, weil sie dort selbstständiger arbeiten können.

h@w: Sie klingen rundum zufrieden. Hat das Gesetz denn gar keine Haken und Ösen?

Drude: Es gibt kleinere Regelungen, an denen man noch arbeiten muss. So wurden die Psychiatrien, die auch Pflegeschulen haben, schlicht vergessen. Aber das wurde schnell korrigiert. Und dadurch, dass jeder in jeden Bereich geht, verdoppelt sich die Zahl der Auszubildenden in der Praxisphase. Die Pädiatrie, die es gar nicht in jeder Klinik gibt, wird deshalb ein Nadelöhr bleiben. Da lohnt ein Blick in die benachbarten Niederlande. Dort wurden Skill Labs genehmigt, in denen Kinderpflege geschult wird. Diese erkennt die Europäische Union auch an, das könnten wir hier auch einführen. 

h@w: Also muss das noch frische Gesetz schon wieder verändert werden?

Drude: Nicht in seinem Grundgerüst. Wir sollten erst einmal nur an der Feinjustierung des Gesetzes arbeiten. In fünf bis sechs Jahren, wenn die ersten Jahrgänge arbeiten, muss man eine groß angelegte Evaluation durchführen. Die wird dann seriös zeigen, was der Paradigmenwechsel in der Pflegeausbildung bewirkt hat. rle