Mein Freund der Stress

Auf der Schwelle zum Burnout

Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die den Übergang von „stark gestresst“ zu „Burnout“ ankündigen. Gefährdete Menschen haben meist viel zu hohe Erwartungen an sich selbst und gleichzeitig ein Ohnmachtsgefühl, weil es ihnen an Einflussmöglichkeiten mangelt. Lange und wechselnde Arbeitszeiten, ungenaue Vorgaben, ein schlechtes Betriebsklima, Zukunftsängste sowie ein fehlender Ausgleich zum Arbeitsstress auch nach Feierabend sind weitere Burnout-Faktoren.

Wie sich Stress besser aushalten lässt

Prima, ich bin im Stress! Solch einen Ausspruch hört man selten. Stress wird im Allgemeinen als das Schlimmste angesehen, was dem modernen Büroarbeiter wiederfahren kann. Dabei zeigt die Forschung, dass gelegentlicher Stress sogar positiv wirken kann. Solange er wieder nachlässt und die Einstellung zu ihm stimmt.

Alarm, Alarm! Bei Gefahr versetzt sich der Körper selbst in Gefechtsbereitschaft. Alle Lampen leuchten auf Rot. Das Gehirn aktiviert das autonome Nervensystem. Der Symphatikus sorgt dafür, dass der Körper mit Adrenalin und Cortisol überschüttet wird. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt ebenso wie die Muskelspannung. Das Gehirn läuft auf Hochtouren, sodass es blitzschnell entscheiden kann: Soll ich kämpfen oder flüchten?

Diese Stressreaktion ist ein uralter Mechanismus und überaus nützlich, wenn man aus Versehen den Weg eines Säbelzahntigers kreuzt. Allerdings wird dieser Prozess heute auch für weniger lebensbedrohliche Situationen in Gang gesetzt, zum Beispiel, wenn das letzte Quartals-Reporting nicht pünktlich beim Kunden abgeliefert werden kann.

Stress ist ein Phänomen, dass sich mittlerweile einen festen Platz in der Arbeitswelt gesichert hat. Neun von zehn Beschäftigten fühlen sich gestresst. Das zeigt eine Studie der Pronova BKK. Zu den häufigsten Stressfaktoren gehören starker Termin- oder Leistungsdruck, Verschiedene Aufgaben gleichzeitig erledigen und alles zu jedem Zeitpunkt im Blick haben zu müssen, ständig unterbrochen zu werden und bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit arbeiten zu müssen. Hinzu kommen ständige Erreichbarkeit, Überstunden, ein schlechtes Arbeitsklima, ständiger Termindruck und emotionaler Stress durch Kunden oder Vorgesetzte. „Die meisten Berufstätigen fühlen sich von Abgabeterminen, Kunden- und Chefwünschen unter Druck gesetzt“, bewertet Lutz Kaiser, Vorstand der pronova BKK, die Ergebnisse. „Im Gegensatz zu Notärzten und Fluglotsen gibt es aber für viele Büroangestellte kaum einen realen Grund für extremen Zeitdruck.“

Verstärker im Gehirn

Der Großteil der Büroarbeiter in Deutschland ist also gestresst. Die Frage ist nur, wie schlecht diese Nachricht wirklich ist. Die negativen Aspekte von Stress wurden bereits ausführlich erforscht. Stress kann zu Schlafstörungen, abfallender Leistungskraft und eingeschränkter Produktivität führen und belastet auch die Gesundheit. So kann Stress Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, einen Herzinfarkt und vermutlich sogar einige Krebserkrankungen begünstigen. Stress ist häufig auch das Pflaster auf dem Weg in psychische Erkrankungen wie Depressionen oder das Burnout-Syndrom.

Besonders problematisch ist Dauerstress, also der Zustand, bei dem der Körper permanent Stresssituationen ausgesetzt wird. Dann wird der Stress chronisch und das Gehirn reagiert nicht mehr angemessen, wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie herausgefunden haben. So gibt es nämlich einen Mechanismus, wie sich Stress im Gehirn selbst verstärkt, nämlich anstatt dass er nach einem akuten Stressereignis ausklingt, er noch einmal neue Fahrt aufnimmt.

Eine Frage der Einstellung

Mit Blick auf die gesundheitlichen Folgen wird daher seit Jahren die Empfehlung ausgesprochen, Stress möglichst zu vermeiden. Das ist jedoch nicht immer möglich und – laut einer Reihe amerikanischer Forscher – wohl auch nicht immer zielführend. In manchen Fällen sogar kontraproduktiv, folgert Alia Crum, Psychologie-Professorin an der Universität Standford in Kalifornien. Sie hat sich in ihrer Arbeit damit beschäftigt, welche Rolle die persönliche Einstellung, das sogenannte Mindset, bei der Belastung und Gesundheitsgefährdung durch Stress spielt. „Ein Mindset, das Stress als etwas Positives bewertet, kann die Gesundheit und die Arbeitsfähigkeit von Menschen verbessern“, sagt Crum.

Grundlegend hierfür ist die Annahme, dass Stress nicht per sei schädlich ist, sondern, sofern er nur kurz andauert, uns stärker macht, sodass wir ähnlich wie bei einer Impfung dadurch gegen größere Mengen Stress gewappnet sind. Wichtig für diesen positiven Effekt ist jedoch, dass auf die Anspannung eine Entspannungsphase folgt – und dass das Mindset stimmt.

Die Forschung der Standford-Psychologin Crum zeigt, dass die Bewertung eines Stressfaktors die körperliche Stressantwort beeinflusst. Um dies zu belegen, wurden in einem Experiment die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe schaute ein Video, das zeigte, dass Stress schädlich sei, das Video der anderen Versuchsgruppe proklamierte Stress als stärkenden Faktor. Dieses geprägte Mindset ließ sich anhand der biologischen Faktoren messen. Zwar zeigten die Teilnehmer beider Gruppen physiologische Stressreaktionen. Doch die Menschen aus der Gruppe, die ein positives Mindset in Bezug auf Stress hatten, zeigten geringere Cortisol-Mengen und eine insgesamt gemäßigtere Stressreaktion. „Das bedeutet nicht, das Menschen sich mehr Stress aussetzen sollten“, erläutert Psychologin Crum. „Aber es zeigt, das ein gutes Mindset die positiven Aspekte von Stress verstärken kann.“

Wer also im Alltag dem Stress etwas entgegensetzen möchte, sollte sich mit ihm verbünden und ihn als Freund akzeptieren. Denn dann ist die Chance am größten, dass er sich auch wie einer verhält. jbr


Auf der Schwelle zum Burnout

Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die den Übergang von „stark gestresst“ zu „Burnout“ ankündigen. Gefährdete Menschen haben meist viel zu hohe Erwartungen an sich selbst und gleichzeitig ein Ohnmachtsgefühl, weil es ihnen an Einflussmöglichkeiten mangelt. Lange und wechselnde Arbeitszeiten, ungenaue Vorgaben, ein schlechtes Betriebsklima, Zukunftsängste sowie ein fehlender Ausgleich zum Arbeitsstress auch nach Feierabend sind weitere Burnout-Faktoren.