Reform der Pflegeberufe

Die gesamte Lebensspanne in einer Ausbildung

2017 verabschiedet, darf seit dem 1. Januar 2020 nur noch nach dem Gesetz zur Reform der Pflegeberufe geschult und ausgebildet werden. Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung wurde vereinheitlicht und auch die Finanzierung ist gesetzlich geregelt.

Stefan Block wirbt für die Kooperation der Gesundheitsanbieter in Sachen Ausbildung. „Mitstreiter sind willkommen“, sagt der Geschäftsführer der ambulanten Pflege des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Bremen, der dem Pflegeberufe-Reformgesetz nach eigenen Worten „wohlgesonnen“ gegenübersteht. Dem Gesetz, das keinen Unterschied mehr macht zwischen der Ausbildung zu Pflegern im Krankenhaus, in der Senioreneinrichtung und in der ambulanten Pflege.

Geschäftsführer Block suchte schon nach Verbündeten, als das Gesetz noch sehr jung war. Sein ASB arbeitet seit 2018 im damals gegründeten Weserbildungsverbund Gesundheit und Pflege mit, der heute über 50 Mitglieder aus Bremen und dem niedersächsischen Umland hat: Altenpflegeträger, Krankenhäuser, ambulante Pflegedienste, Pflegeschulen, Hochschule Bremen. Konzerne sind dabei wie der Klinikverbund Gesundheit Nord mit über 8.000 Mitarbeitern, aber auch die ambulante Pflege des ASB mit rund 150 Beschäftigten.

Die alte Pflegelogik hat ausgedient

Gemeinsam koordinieren die Institute und Einrichtungen die generalistische Pflegeausbildung. Verträge mit den Pflegeauszubildenden werden ebenso zentral abgeschlossen wie die Praxisphasen von einer Hand geplant werden. „Mit der generalistischen Ausbildung arbeiten unsere Pfleger nicht mehr in Hilfsberufen, sie dürfen definierte Vorbehaltsaufgaben eigenständig erledigen“, beschreibt Block. Die Planung von Medikamentengaben liegt in ihrer Hand wie die Steuerung des Pflegeprozesses.

„Die alte Pflegelogik habe ich immer abgelehnt, jetzt wird die Arbeit mit guter Praxisanleitung professionalisiert“, meint Block, nennt aber auch gleich seinen Hauptkritikpunkt: „Die Helferausbildung ist nicht geregelt, obwohl es Helfer immer geben wird.“ Zum Beispiel gebe es in der ambulanten Pflege neben den pflegerischen Aufgaben eine fließende Grenze zwischen Hauswirtschaft und Betreuung im Alltag. 

Die ASB Ambulante Pflege bildet seit April 2020 fünf Pfleger aus. „Sonst haben wir immer drei Auszubildende, aber 2019 wollten wir niemanden mehr nach der alten Ordnung starten lassen“, berichtet Geschäftsführer Block. „Es haben sich 30 junge Menschen beworben.“ Die Kurse des Weserbildungsverbundes sind alle voll. Es wirkt sich positiv aus, dass sich die Bewerber nicht schon vor dem ersten Ausbildungstag zwischen Alten und Kindern, zwischen Krankenstation und Ambulanz entscheiden müssen.

Die Bezahlung muss passen

Stefan Block: „Vier der fünf Azubis kannte ich vorher nicht.“ Ob sie nach ihrem Abschluss bleiben werden, hängt auch von der Bezahlung ab. Block, der schon seit 30 Jahren in der ambulanten Pflege unterwegs ist, kann sich noch immer über die Preispolitik der Krankenkassen aufregen. „Wir sind der Sparstrumpf der Nation“, sagt er. „Die krude Idee, dass für die ambulante Pflege die Familie da ist, hängt uns nach. Auch deshalb ist die sichtbare Professionalisierung der Ausbildung wichtig.“

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) meldete zum 31. Dezember 2019 rund 68.000 Pflegeschüler, die sich auf Senioren, Kranke und Kinder spezialisiert hatten. Bis 2023, wenn der erste Jahrgang der generalistischen Ausbildung abschließt, soll die Zahl der Auszubildenden um zehn Prozent steigen. Erste Rückmeldungen der Bundesländer zu den Ausbildungszahlen im Vergleich zum Vorjahr zeigen ein uneinheitliches Bild: Bayern nennt zehn Prozent plus, Sachsen-Anhalt 11,6 Prozent, Schleswig-Holstein beobachtet keine Veränderung. Dagegen gehen Berlin, Baden-Württemberg, Brandenburg und Sachsen von einer rückläufigen Entwicklung aus, weil viele Gesundheitsfirmen 2019 verstärkt nach der alten Ausbildungsordnung junge Menschen eingestellt haben.

Die Refinanzierung der Ausbildungskosten wird über Ausbildungsfonds laufen. Die Ausbildungseinrichtungen und Pflegeschulen melden auf Landesebene ihre Pflege-Azubis, dann wird das Ausbildungsbudget festgesetzt. Um die Übersicht für die Gesundheitsberufe zu komplettieren, baut das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ein Pflegepanel auf. Erste Ergebnisse, darunter die Anzahl der Auszubildenden zur Pflegefachfrau und zum Pflegefachmann werden für den Herbst dieses Jahres erwartet. 

Die Ausbildungszahlen steigen

Auch wenn das Zahlenwerk zur generalistischen Pflegeausbildung noch nicht komplett ist, blickt Julia Steuernagel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) für ihr Haus optimistisch in die Zukunft. Die Pflegeschule, die zur UKE-Akademie für Bildung & Karriere gehört, konnte schon immer gute Bewerberzahlen melden, doch für 2020 und auch jetzt während der Corona-Pandemie melden sich sogar noch mehr junge Menschen als sonst. Die Leiterin der Pflegeschule und ihr Team beantworten häufig die Nachfragen zum neuen Pflegeberuf. „Das Thema Generalistik lockt“, meint Steuernagel. „Die Schüler, die sich für Gesundheitsberufe interessieren, googeln oder hören von der breitgefächerten Ausbildung und melden sich bei uns.“ 

Im UKE ist der neugierige Nachwuchs genau richtig. Denn die Pflegeschule ist in diesem Februar schon mit dem achten Kurs gestartet. Über 200 Pflegeschüler sind am Start, die ersten werden zum Jahreswechsel 2022/23 ihre Abschlussprüfungen machen. „Bisher sehen wir eine gute Qualität bei den Auszubildenden“, sagt Julia Steuernagel zufrieden. Die ersten Jahreszeugnisse, auch eine Neuerung des Pflegeausbildungsgesetzes, wurden im Februar ausgegeben. Die Noten fließen in die Abschlussnote ein. 

Generalistik auf Erfolgskurs

Das Curriculum für die UKE-Pflegeausbildung wird von einer Steuergruppe aus erfahrenen Pflege,- und Medizinpädagogen ständig weiterentwickelt. Das Unterrichtsmaterial ist standardisiert. Ein Vorteil: Schon nach der alten Ausbildungsordnung gab es im UKE Blockunterricht, wie er jetzt Pflicht ist. „Der Paradigmenwechsel, der Theorie- und Praxisphasen durchzieht, liegt darin, dass die frühere Fächerorientierung abgelöst wurde von der Lernfeld- und Kompetenzorientierung“, schildert die Schulleiterin. „Die Schüler sollen in ihren jeweiligen Arbeitsfeldern sehr eigenständig agieren lernen.“   

Deshalb steht auch im Schulunterricht der Praxistransfer im Zentrum. Im UKE-Trainingszentrum arbeiten die Lernenden mit und an programmierbaren Simulationspuppen: vom Neugeborenen über ein Kind im Schulalter hin zum Erwachsenen bis zum Senior. Den Blutdruck messen oder einen Blasenkatheter legen bleiben da keine Theorie. „In mehreren Räumen bilden wir die gesamte Lebensspanne ab“, sagt Julia Steuernagel. „Gedanklich sind die jungen Leute darin sehr gut, sie fragen oft, wie ein Krankheitsphänomen in anderen Altersgruppen aussieht.“ Um die Simulation auch zu Corona-Zeiten zu erleben, in denen die Schüler am heimischen Laptop lernen, haben die Lehrer Videos gedreht – ein kreativer, wenn auch zweidimensionaler Ersatz. 

Die Praxisphase bleibt live

Aber anders als die Arbeitgeber im Bremer Weserbildungsverbund hat das UKE Einzelverträge mit etlichen Ausbildungspartnern für die Praxisphasen in der Langzeitpflege und für die Pflichtstunden in der ambulanten Pflege geschlossen. Die UKE-Auszubildenden gehen für jeweils 400 Stunden in feste Partner-Einrichtungen – zu großen Trägern wie auch zu kleineren ambulanten Pflegeanbietern. Und die externen Partner absolvieren ihre Facheinsätze in der Pädiatrie und den Erwachsenenabteilungen der Eppendorfer.

Schulleiterin Steuernagel stellt den Kontakt zu den Stationen her, plant die Einsätze, betreut aber die Auszubildenden von außen nicht. „Das läuft zwischen den Fachstationen und den Arbeitgebern der Azubis“, erklärt sie. „Wir haben einen regen Austausch mit den Vertragspartnern, aber eher über das allgemeine Konzept.“ Hörbar lächelnd fügt sie an: „Die Informationskette ist sehr gut. Größere Probleme gab es bisher nicht. Es freut uns, dass der Austausch so gut funktioniert.“ Die Generalistik scheint im Norden Deutschlands ein Erfolgsmodell. rle