Taktgeber Licht

Fast jeder kennt das Phänomen: Lacht früh am Morgen die Sonne, springt es sich leichter aus dem Bett als bei trübem Wetter und Dunkelheit. Wie Tageslicht unsere Stimmung und Leistungsfähigkeit beeinflusst, haben Chronobiologen erforscht. Die Ergebnisse können die Gestaltung von Zuhause und Arbeitsplätzen bereichern.

Der Mensch hat eine Art innere Uhr, die vom Gehirn gesteuert wird und die Schlaf- und Wachphasen ebenso regelt wie Herzfrequenz, Blutdruck und Stimmung. Dabei orientiert sich der Körper vor allem an Tag und Nacht. Das Tageslicht macht wach und versetzt in den Aktivitätsmodus. Dunkelheit macht müde und kann sogar die Stimmung trüben.

Wissenschaftler erforschen, welchen Einfluss Licht auf die Gesundheit hat. Dabei haben sie herausgefunden, dass Photorezeptoren im Auge den Schlaf-Wach-Rhythmus mit dem Nacht-Tag-Zyklus synchronisieren: Unter dem Einfluss des Morgenlichts bremsen die Rezeptoren den Körper bei der Bildung des Schlafhormons Melatonin. Stattdessen produziert er morgens das Stresshormon Cortisol, das den Stoffwechsel anregt und fit für den Tag macht. Gleichzeitig schüttet die Hirnangangdrüse verstärkt Serotonin aus – ein stimmungsaufhellendes und motivierendes Hormon. Im Lauf des Tages fällt der Cortisolspiegel im Blut ab. Bei Einbruch der Dunkelheit schaltet die innere Uhr auf Nachtmodus um: Die gedrosselte Melatoninproduktion läuft wieder an, das macht müde und bereit zum Schlafen. Ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus gilt als Voraussetzung für Gesundheit und seelisches Wohlbefinden.

Was aus dem Takt bringt

Am Arbeitsplatz, in der U-Bahn, im Shopping-Center und Zuhause: Heute gibt meist Kunstlicht den Takt an und kann mitunter die Nacht zum Tag machen. Das bringt die innere Uhr des Menschen durcheinander. Wenn in der kalten Jahreszeit noch dazu die Tage kürzer werden, die Sonne später auf- und früher untergeht, macht sich auch der Taktgeber Tageslicht rar. Die Folge: Der Körper findet nicht so leicht in seinen gewohnten Rhythmus. Ähnlich wie bei einem Jetlag nach einer langen Flugreise kann das den Schlaf negativ beeinflussen, den der Körper doch unbedingt zur Regeneration benötigt. Auch die Stimmung geht auf Tiefflug, wenn tagsüber stimulierende Lichtreize fehlen. Deshalb klagen in der dunklen Jahreszeit viele Menschen über Nervosität oder schlechte Laune. Einige neigen sogar zu depressiven Verstimmungen.

Sonne als Stimmungsaufheller

Sonnenlicht ist das einfachste Rezept gegen den Winterblues. Bei einem Spaziergang in der Mittagspause etwa lässt sich selbst an bewölkten Tagen biologisch wirksames Licht mit einer Beleuchtungsstärke tanken, das Glückshormone freizusetzen vermag. Weil an Werktagen ausgedehnte Spaziergänge aber meist erst nach Feierabend möglich sind – wenn im Winter die Sonne bereits untergeht – können Tageslichtlampen als Stimmungsaufheller dienen: Ein Lichtwecker beispielsweise soll zu Hause helfen, morgens besser aus dem Bett zu kommen, indem er den Sonnenaufgang drinnen simuliert, obwohl es draußen noch dunkel ist.

Hersteller von Lichtsystemen bieten dynamische Tageslichtlampen an, die zum Beispiel im Bad verbaut werden können und den tageslichtsensiblen Rezeptor im Auge ansprechen: Morgens sollen sie mit hellem tageslichtweißem und blauem, eher kaltem Licht anregen und motivieren. Eine reflektierende Decken- und Wandfarbe kann den Effekt verstärken. Abends erstrahlen sie in warmen Lichtfarben, was wohltuende Entspannung verschaffen soll. Denn warmes Licht bewirkt, dass die Produktion des Schlafhormons Melatonin nicht weiter unterdrückt wird. Deshalb ist eine warme Wohnraumbeleuchtung am Abend empfehlenswert. Bei vielen Wohnraumlampen lässt sich die Lichtfarbe einstellen.

Effekte von Licht im Büro

  • Auch im Büro unterstützt biologisch wirksames Licht den Menschen. Es aktiviert, motiviert und erzeugt Stimmungen. Dynamische Lichtsysteme passen Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke der Situation an.
  • Am frühen Nachmittag mobilisiert kaltweißes Licht Reserven: Es aktiviert, fördert die Konzentration und hilft so, die müde Phase nach dem Mittagessen zu überbrücken.

  • Am späten Nachmittag sorgen warme Farbtemperaturen für sanftes Hinübergleiten in den Feierabend.

  • Zudem lassen sich einzelne Arbeitsplätze je nach individueller Verfassung beleuchten, in Konferenzräumen darüber hinaus die passenden Lichtstimmungen für Sitzungen oder Präsentationen einstellen.

Zurück ins Licht nach Corona

Auch am Arbeitsplatz ist Licht ein wichtiger Taktgeber. Wenn nach der Corona-Krise viele Kurzarbeiter wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren und die Produktion wieder voll anläuft, ist die Beleuchtung ein wichtiger Faktor für die allgemeine Sicherheit am Arbeitsplatz. Darauf weist der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. hin. Adäquate Beleuchtung schützt vor Unfällen und stellt das richtige Licht für unterschiedlichste Sehaufgaben bereit.

Moderne Lichtlösungen erfüllen DIN-Normen und bieten individuelle Einstellmöglichkeiten, z.B. indem sie mehr Licht für ältere Mitarbeitende zur Verfügung stellen können. Sogenannte intelligente Beleuchtungsnetzwerke und Anwendungen im Internet der Dinge bieten die Möglichkeit, bestimmte Lichtstimmungen elektronisch zu steuern, die den circadianen Rhythmus des Menschen sinnvoll unterstützen. Dimmbare LED-Leuchten lassen sich in ihrer Lichtstärke so einstellen, dass sie das natürliche Tageslicht im Raum optimal nutzen und nur die Lichtmenge zusteuern, die nötig ist, um das gewünschte Beleuchtungsniveau zu erreichen.

Lösungen der Industrie

Die Industrie setzt auf flexible Lichtlösungen für Unternehmen, die der aktuellen Situation gerecht werden. Bei Umstellung auf die Produktion von Schutzausrüstung etwa können Beleuchtungssysteme schnell und einfach angepasst werden, so die Brancheninitiative. Innovative Sensortechnologie ermöglicht zudem eine Beleuchtung, die sich automatisch an Präsenz, Nutzern und Tätigkeiten orientiert. Noch einen Schritt weiter gehen sogenannte Human-Centric-Lighting-Lösungen (HCL): Diese Leuchten verändern ihre spektrale Zusammensetzung nach dem Vorbild des Tageslichts mit positiven Wirkungen für Wohlbefinden und Biorhythmus. Dabei sollen die visuellen, emotionalen und biologischen Bedürfnisse der Beschäftigten bei Tag- und Nachtarbeit berücksichtigt werden.