Der Blick ins Alter

Arbeiten im Simulationsanzug

Wie gut wird meine alternde Belegschaft ihre Arbeit in Zukunft erfüllen können? Diese Frage muss für Unternehmen keine theoretische bleiben. Alterssimulationsanzüge ermöglichen es, sich in die individuelle Situation von älteren Beschäftigten hineinversetzen zu können – ein wertvolles Instrument für die ergonomische Arbeitsplatzgestaltung.

Seit jeher träumen Menschen vom Zeitreisen. Will man wissen, wie sich der eigene Körper in der Zukunft verändert, so kann diese Zeitreise bereits heute Realität werden. Mit Hilfe von Alterssimulationsanzügen kann die körperliche Wahrnehmung und Leistungsfähigkeit junger Menschen dahingehend manipuliert werden, dass sie erleben können, wie ältere sich fühlen.

Es gibt eine Reihe von Einschränkungen, die Menschen im fortschreitenden Alter erfahren können: So trüben sich möglicherweise die Augenlinsen und das Sichtfeld verkleinert sich, sodass ältere Menschen weniger und unschärfer sehen. Sie können ihren Kopf schlechter bewegen, hohe Töne weniger gut wahrnehmen. Die Muskelkraft verringert sich ebenso wie das taktile Empfinden und die Koordinationsfähigkeit. Die Gelenke versteifen.

Alterssimulationsanzüge simulieren diese Einschränkungen zum Beispiel durch integrierte Gewichte, eine Halskrause, Handschuhe, Brille und Kopfhörer – und machen sie dadurch auch für Nicht-Beeinträchtigte erlebbar.

Altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung

Der Blick ins Alter ist eine wertvolle Hilfestellung, um Arbeitsplätze und -prozesse für alle Beschäftigtengruppen ergonomisch zu gestalten. Denn vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und dem damit verbundenen Fachkräftemangel stehen Unternehmen vieler Branchen vor der Herausforderung, die Mitarbeiter auch bis ins hohe Alter beschäftigen zu können und gleichzeitig auch für junge Beschäftigte alternsgerechte Arbeitsplätze zu schaffen, sodass ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten über viele Jahre hinweg erhalten bleiben.

Um dies zu ermöglichen, beschäftigen sich viele Unternehmen, allen voran in der produzierenden Industrie, zunehmend damit, wie Arbeitsplätze alters- und alternsgerecht gestaltet werden können. „Das Augenmerk sollte dabei speziell auch auf den Bereich der Montage gelegt werden“, berichtet Marco Bleckmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) an der Leibniz Universität Hannover. „Dort findet in der Regel der größte Anteil der Wertschöpfung zahlreicher in Deutschland erzeugter Produkte statt. Viele Montagetätigkeiten werden nach wie vor manuell ausgeführt, so zum Beispiel in der Automobilindustrie oder im Maschinenbau. Der Mensch spielt dabei eine zentrale Rolle – daher ist eine alters- sowie alternsgerechte Arbeitsplatzgestaltung dort sowohl aus sozialen als auch aus ökonomischen Gesichtspunkten von maßgebender Bedeutung.“

Wertvoller Perspektivwechsel

In der institutseigenen IFA-Lernfabrik werden Schulungen durchgeführt, die diese Herausforderungen sichtbar machen. Neben theoretischem Wissen zur Ergonomie erleben die Teilnehmer im praktischen Teil der Schulung, wie das Arbeiten in einem realen Montagesystem unter den durch den Alterssimulationsanzug veränderten Bedingungen gelingen kann. Konkret zeigt sich dadurch, wie sich unter anderem die im Alter verminderte Greiffähigkeit und das eingeschränkte Sichtfeld auswirken können. Die verringerte Hörleistung erschwert es den Beschäftigten, Gefahren wahrzunehmen, aber auch mit ihren Kollegen und Führungskräften zu kommunizieren. Die Gewichte, die am Alterssimulationsanzug angebracht sind, simulieren zudem die abnehmende Muskelmasse und den damit einhergehenden Kraftverlust.

„All diese Faktoren beeinflussen, in welcher Zeit und in welcher Qualität die Mitarbeiter ihre Montageaufgaben erfüllen können, aber auch, wie die Zusammenarbeit im Team und dem gesamten Arbeitsprozess funktioniert“, erklärt Bleckmann.

Die Trainings in den Alterssimulationsanzügen finden in Tandems statt, die einen A/B-Test erlauben. Das bedeutet: Immer zwei Teilnehmer führen eine bestimmte Montageaufgabe aus. Einer von ihnen trägt dabei den Alterssimulationsanzug, der andere führt die Tätigkeit ohne „Altersnachteil“ aus – danach wird getauscht. Die Teilnehmer tauschen ihre Erfahrungen aus und evaluieren das Erlebte. „Die hervorstechende Erkenntnis aus den Trainings ist in der Regel, dass objektive Belastung und subjektive Beanspruchung nicht dasselbe sind“, erläutert Bleckmann. „So kann dieselbe Tätigkeit von verschiedenen Individuen als unterschiedlich beanspruchend empfunden werden.“

Wichtige Erkenntnisse

Die Erkenntnisse aus der Nutzung des Alterssimulationsanzugs geben den Teilnehmern wichtigen Impulse, um Arbeitsplätze auch für ältere Beschäftigte ergonomisch zu gestalten und ihnen so zu ermöglichen, ihr Erfahrungswissen und ihre Kompetenzen weiterhin einzubringen – auch wenn die körperlichen Fähigkeiten nachlassen. Das bedeutet zum Beispiel, Arbeitshilfen für das Über-Kopf-Arbeiten zur Verfügung zu stellen, die Arbeit in kleinerem Sichtfeld zu ermöglichen oder möglicherweise auch, Produkte montagefreundlicher zu gestalten.

Auch wenn die Alterssimulation zu Schulungszwecken bisher hauptsächlich in der produzierenden Industrie zur Analyse von Arbeitsplätzen eingesetzt wird, ist diese Methode auch in anderen Bereichen sinnvoll: „Es gibt zahlreiche Analogien in Bezug auf die Ergonomie, die sich auch auf Büroarbeitsplätze übertragen lassen“, erklärt Bleckmann. „Klassische Themen hierfür sind zum Beispiel die Höhe der Arbeitsplätze sowie die Anordnung von Bildschirm und anderen Gegenständen auf dem Schreibtisch.“ jbr

Wo kommen Alterssimulationsanzüge zum Einsatz?

In die Rolle eines älteren Menschen zu schlüpfen, erweitert die eigenen Perspektiven und das Verständnis für die Bedürfnisse dieser Zielgruppe. Daher setzen beispielsweise auch Verpackungsunternehmen diese Anzüge ein, um herauszufinden, wie Verpackungen gestaltet werden müssen, damit auch Ältere sie leicht öffnen können. Auch im Bereich der Wohnraumberatung sowie bei der Deutschen Rentenversicherung hilft der Alterssimulationsanzug, sich in die Situation von Senioren hineinzuversetzen.

Was heißt hier „alt“?

Der Alterssimulationsanzug simuliert die im Alter typischen körperlichen Einschränkungen. Wichtig ist jedoch zu wissen, dass dabei kein konkretes Alter anvisiert ist. Denn Alterungsprozesse laufen individuell unterschiedlich ab. So ist es möglich, dass ein 60-Jähriger, der sich „gut gehalten“ hat, die körperlichen Merkmale eines 50-Jährigen aufweist. Andersherum gibt es Menschen, deren Alterungsprozesse bereits in jüngeren Jahren deutlich vorangeschritten sind. Dies wird sowohl durch die Gene als auch durch die Lebensweise bedingt.