Quereinstieg in der Pflege

Auf zu neuen Ufern

Während der Pandemie haben sich viele Arbeitnehmer in Gastronomie, Einzelhandel oder Veranstaltungsbranche beruflich umorientiert. Nicht wenige fanden einen neuen – sicheren – Hafen in der Pflege.

Das Jahr 2020 markierte einen Wendepunkt in zahlreichen Berufsbiografien, zum Beispiel der eines gelernten Kochs, der erfolgreich ein Restaurant am Potsdamer Platz in Berlin geführt hatte. Dann kam Corona, der Lockdown hielt die Gäste fern, und der 49-Jährige suchte eine berufliche Alternative. Fündig wurde er bei der Nachbarschaftsheim Schöneberg Pflegerische Dienste gGmbH, die mit 200 Beschäftigten Pflege und Betreuung im Rahmen der häuslichen Pflege, der Palliativpflege und in fünf ambulanten Wohngemeinschaften anbietet. Das Unternehmen wirbt gezielt um Quereinsteiger: „Ihr Ziel ist es, dass Wünsche, Vorlieben und Lebensgewohnheiten der Kunden beachtet und respektiert werden!“, heißt es in Stellenanzeigen.

„Gerade ehemalige Mitarbeiter aus der Gastronomie bringen gute Voraussetzungen mit, da auch hier die Freude am Umgang mit Menschen, Kommunikationsfähigkeit und der Dienstleistungsgedanke eine wichtige Rolle spielen“, sagt Karen Lawerenz, Prokuristin vom Nachbarschaftsheim Schöneberg. „Vorkenntnisse im Bereich Pflege, Nachbarschaftshilfe oder Betreuung sind wünschenswert, idealerweise wurde ein 200-Stunden-Basiskurs absolviert, aber das ist keine Einstiegsvoraussetzung.“ Nach einer intensiven Einarbeitung seien Quereinsteiger auf jeden Fall ein Gewinn für die Pflege: „Sie bringen einen frischen Blick von außen mit, der das gesamte Team bereichert. Sie wissen die guten Arbeitsbedingungen zu schätzen, haben in der Gastronomie beispielsweise deutlich mehr Druck verspürt. Es ist erfrischend für das Team, wenn da jemand sagt: „Mensch, habt ihr eine tolle Arbeit.“

Drei Wege zum Quereinstieg

Die meisten Quereinsteiger werden als Pflegehelfer, Betreuungsassistenten, Krankenpflegeassistenten, Heilerziehungshelfer und gesetzliche Betreuer gesucht. Interessenten stehen drei Wege offen: Entweder sie entscheiden sich für eine klassische dreijährige Ausbildung, zum Beispiel zum Altenpfleger, oder sie absolvieren eine je nach Vorkenntnissen ein bis zwei Jahre dauernde Helfer- beziehungsweise Assistentenausbildung, zum Beispiel zum Altenpflegehelfer. Die dritte Möglichkeit ist eine „schnelle Qualifizierung“, etwa durch einen drei- bis sechsmonatigen Pflegebasiskurs beziehungsweise die Qualifizierung als Betreuungsassistent oder Alltagsbegleiter nach § 53c/43b SGB XI.

Die Diakonie Deutschland, der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirchen, empfiehlt die längere Ausbildung, da vor allem Fachkräfte mit Abschluss gesucht würden. Helfer oder Assistenten verdienten weniger und könnten in seriösen Einrichtungen nicht eigenverantwortlich arbeiten. Die dreijährige Ausbildung beziehungsweise ein einschlägiges Studium eröffneten bessere Aufstiegschancen. Zugangsvoraussetzungen sind gesundheitliche Eignung, ein mittlerer Schulabschluss oder eine sonstige zehnjährige allgemeine Schulausbildung, die Berufsbildungsreife plus eine zweijährige abgeschlossene Berufsausbildung oder eine abgeschlossene anerkannte Ausbildung in der Pflegehilfe von mindestens einjähriger Dauer.

Schwierige Finanzierung

Quereinsteiger erhalten nicht grundsätzlich finanzielle Unterstützung während der Ausbildung. In bestimmten Fällen vergibt die Arbeitsagentur „Bildungsgutscheine“, die die Kosten für Schulgeld, Prüfungsgebühren oder Fahrten abdecken. Zusätzlich können Auszubildende Arbeitslosengeld beantragen. Die Bildungsgutscheine sind zeitlich befristet: Nur für die Altenpflegeausbildung ist während der gesamten drei Jahre eine Förderung vorgesehen, bei allen anderen Ausbildungen läuft die Förderung nach zwei Jahren aus. Das dritte Jahr muss also selbst finanziert werden.

Hinzu kommt, dass die Arbeitsagentur recht zurückhaltend bei der Bewilligung der Gutscheine ist. Vermittlung geht vor Förderung, weshalb Quereinsteiger nur dann gefördert werden, wenn sie keine Aussicht haben, ihren „alten“ Beruf fortzuführen. Letztlich entscheidet der Sachbearbeiter, ob jemand einen Gutschein bekommt. Wer beispielsweise zahlreiche erfolglose Bewerbungen vorlegt, erhöht seine Chancen. Wichtig sind auch eine schlüssige Begründung für den Wechsel in den sozialen Bereich sowie allgemeine Kenntnisse über die Branche und die Arbeitsbedingungen, etwa was Schicht- und Wochenendarbeit anbelangt. Die Arbeitsagentur bietet kostenlose gesundheitliche und berufspsychologogische Tests zur grundsätzlichen Eignung an. Als Trumpfkarte dient der Nachweis über ein Praktikum, einen einschlägigen Bundesfreiwilligendienst oder ein Ehrenamt.

Pflege stark machen

Das Alter spiele beim beruflichen Neustart keine Rolle, betonen Pflegeeinrichtungen und Quereinsteiger übereinstimmend. In den Ausbildungsklassen oder Vorlesungen ist die Generation Ü30 regelmäßig vertreten. Jeannine Fasold war 40, als sie 2015 nach einem Bürojob und Familienzeit die Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin abschloss. Heute arbeitet sie in einer Klinik in Nürnberg mit Kindern und behinderten Erwachsenen, daneben stellt sie in ihrem Blog @einfach.jean den Pflegealltag vor. Ein Ziel ist, potenzielle Kollegen zu gewinnen. „Ich wünsche mir eine Pflege, die sich stark macht – nach außen stark macht“, sagt Fasold.

Neben solchen privaten Initiativen gibt es eine wachsende Zahl kommerzieller und halbkommerzieller Anbieter, die Pflegeeinrichtungen und Kliniken einerseits sowie Fachkräfte und Ausbildungswillige andererseits zusammenbringen. Plattformen wie „Pflegekraft – Mehr als ein Beruf“ agieren praktisch als Arbeitsvermittlungen. Betreiber von Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen wie die französische Korian-Gruppe, die nach eigenen Angaben mit 24.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber und Ausbilder in der Pflege in Deutschland ist, unterhalten eigene Online-Jobbörsen, in denen Pflegeinteressierte fündig werden – auch für den Quereinstieg. cst